Nürnberg - Ungarn hat gewählt und das Ergebnis hat Folgen für ganz Europa - gleich, ob Wahlsieger Péter Magyar die hohen Erwartungen erfüllen kann. Viktor Orbáns Abwahl ist ein gutes Signal für alle Demokraten, kommentiert NN-Chefredakteur Michael Husarek.
12.04.2026 22:08 Uhr

Auf diese Wahl, das ist nicht übertrieben, hat die Welt geblickt: Wladimir Putin und Donald Trump haben Viktor Orbán die Daumen gedrückt, die EU-Kommission in Brüssel hat mit Péter Magyar gefiebert. Von einem Schicksalstag für die Zukunft der liberalen Demokratie in Europa war die Rede.

Tatsächlich ging es bei der Frage, wer in Budapest künftig das Sagen hat, um weit mehr als um die künftige Regierung eines vergleichsweise kleinen Landes, das weniger als zehn Millionen Einwohner zählt. Trügen die mit dem Machtwechsel verbundenen Hoffnungen nicht, wurde mit Orbán der Hauptbremser der europäischen Politik abgewählt. Und, noch viel wichtiger, unter einer von Magyar geführter Regierung können sehr bald dringend benötigtes EU-Geld gen Kiew überwiesen werden, es geht um Kredite im Volumen von immerhin 90 Milliarden Euro. Die Ukraine hat somit weiterhin eine Chance sich gegen die russischen Angreifer zu behaupten - auch darüber wurde bei den Parlamentswahlen in Ungarn abgestimmt.

Die Wählerinnen und Wähler in Ungarn haben verstanden, worum es ging: Die hohe Wahlbeteiligung zeugt von der großen Bedeutung, selten war eine nationale Wahl derart von supranationalen Themen überfrachtet wie dieses Votum. Die Rechtspopulisten in Europa müssen wenige Wochen nach der gescheiterten Justizreform von Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni den nächsten Rückschlag verkraften. Ob dies bereits als Indiz gewertet werden darf, dass die Rechtsaußen-Kräfte ihren Zenit überschritten haben, bleibt abzuwarten.

Auf jeden Fall keimt Hoffnung auf. In Ungarn kann die Tisza-Gruppierung des Wahlsieger Magyar dank einer klaren Mehrheit im Parlament den Rückbau des Landes zu einer liberalen Demokratie anpeilen. Das dürfte allerdings kein Selbstläufer werden: Unter der 16 Jahre andauernden Herrschaft Orbáns wurde das Land konsequent umgebaut. Die Freiheit der Presse und die Unabhängigkeit der Justiz wurden beschnitten, der gesellschaftliche Umbau vorangetrieben. Wahlkreiszuschnitte wurde so angepasst, dass die Orbán-Partei Fidesz eigentlich kaum zu schlagen war.

Magyar hat es dennoch geschafft. Ihm gelang sogar ein Erdrutschsieg, der in dieser Deutlichkeit nicht zu erwarten war. Magyar hat sich dabei im Wahlkampf nicht als ideologischer Gegenentwurf zu Orbán präsentiert. Denn der künftige Regierungschef ist kein linker Politiker, er ist ein bürgerlicher, rechtskonservativer Mann. Allerdings einer, der für rechtstaatliches und proeuropäisches Vorgehen steht.

Was Orbáns Gratulation am Wahlabend wirklich wert ist, muss sich erst noch zeigen. Der Fidesz-Chef verfügt durchaus über Möglichkeiten, den Machtübergang zu erschweren. Ungarn ist noch nicht wieder zurück im Schoß der proeuropäischen Staaten, allerdings sind die Chancen auf eine handlungsfähige EU mit der Abwahl der rechtspopulistischen Ikone Orbán sprunghaft gestiegen. Ungarn hat für die Rückkehr zur liberalen Demokratie votiert.