Nürnberg - Nun könnte Kerosin knapp werden - und damit wären Urlaubsflüge gefährdet. Alles halb so wild, sagt die Wirtschaftsministerin. Diese Regierung tut zu viel, um vom Ernst der Energiekrise abzulenken, kommentiert Alexander Jungkunz.
20.04.2026 15:54 Uhr

Die Älteren unter Ihnen werden sich noch erinnern: An vier Sonntagen im November und Dezember 1973 waren die Autobahnen leer. Menschen fuhren darauf Fahrrad oder gingen dort spazieren.

Mit den „autofreien Sonntagen“ reagierte die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt auf die erste große Energiekrise, ausgelöst durch den Jom-Kippur-Krieg - dem Angriff Ägyptens, Syriens und dann weiterer arabischer Staaten auf Israel. In der Folge nutzten die ölproduzierenden Länder am Golf den Ölpreis als Waffe - mit massiven Folgen für die Weltwirtschaft.

Leere Straße am ersten autofreien Sonntag in Münch
So sah es Ende 1973 an den autofreien Sonntagen aus: Blick aufs Siegestor in München. © imago stock&people/imago/WEREK

„Energie sparen war ein Nebeneffekt“, sagte Helmut Schmidt, damals Finanzminister, zu den Gründen, die autofreien Sonntage und auch ein auf sechs Monate befristetes Tempolimit von 100 (Autobahnen) und 80 (Landstraßen) einzuführen. „Der eigentliche Zweck war, den Menschen klarzumachen: Dies ist eine ernste Situation.“

Eine ernste Situation: Die erleben wir auch 2026. Die Internationale Energie-Agentur, 1974 als Reaktion auf die erste Energiekrise gegründet zur Koordinierung der Energiepolitik der OECD, warnte kürzlich: Die Energiekrise von 2026 ist heftiger als die drei Krisen von 1973, 1979 und 2022 zusammen.

Der Iran nutzt die Straße von Hormus wie eine Zwickmühle

Und es lässt sich ja beobachten, dass kein rasches Ende in Sicht ist: Der Iran hat die Hebel-Wirkung erkannt, mit der er die Straße von Hormus nutzen kann - eigene Einnahmen generieren, den Welthandel und damit vor allem die USA und weitere Gegner Irans treffen. Teheran betreibt eine Art Zwickmühle: Mal macht es die Straße auf - und gewinnt, dann macht es sie wieder zu - und gewinnt. Das ist höchst riskant, doch bisher zeigte sich: Trump lässt seinen Drohungen nie Taten folgen, weil er die Wucht der Folgen für die eigene Wirtschaft und damit den ohnehin steigenden Zorn der Wähler fürchtet.

Wir haben aktuell aber keine Regierung, die - wie 1973 - den Menschen den Ernst der Lage klarmachen will. Im Gegenteil: Die Koalition tut so, als könne alles weitergehen wie bisher. In Anspielung auf einen Werbespruch: „Ich will so tanken und fahren wie ich bin“, ärgern sich viele Autofahrer über die hohen Preise. Und die Regierung sagt ihnen: „Du darfst“ - wir senken die Preise mit einem Tankrabatt. Nebenbei: Glaubt eigentlich jemand ernsthaft, dieser Rabatt fällt Ende Juni weg - wenn die Landtagswahlen im Osten vor der Tür stehen?

Die aktuelle und stets wiederholbare Knappheit fossiler Rohstoffe zeigt sich nun auch beim Kerosin: Es wird knapp, es drohen Engpässe, Preissprünge und das Streichen von Flügen. Womöglich platzen da Urlaubsträume. Doch auch da spielt Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, die Haupt-Bremserin der Energiewende, die Risiken herunter. Eine leichtfertige Politik. Sie verlängert riskante Abhängigkeiten und verzögert eigene Versorgungs-Sicherheit. Und sie vermeidet klare Signale, die Wirkung zeigen: Durch die autofreien Sonntage erkannten viele die Notwendigkeit, sparsamer mit Energie umzugehen.