
Der HC Erlangen hatte alles aufgedreht, die Lautstärkeregler am Kurt-Leucht-Weg und mehr. Laut war es beim beeindruckenden 29:27 (10:13) gegen hochgradig favorisierte Rhein-Neckar Löwen in Nürnberg nicht erst in einem fantastischen zweiten Durchgang, in dem die Hausherren ein umkämpftes Duell trotz erheblicher Engpässe begeisternd drehten. Die proppenvolle Arena war prompt ein Traktor-Faktor. Sie half dem HCE beim couragierten Verteidigen früh, große Zugkraft zu entwickeln. Als man einen ersten Fehlpass in der Abwehrzentrale erzwungen hatte, ballte Maciej Gebala auf der Platte eine Faust. Kapitän Sebastian Firnhaber riss am Spielfeldrand beide Fäuste in die Höhe.
Kompliziert war das Kräftemessen mit dem haushohen Favoriten trotzdem. Dass zahlreiche Leistungsträger fehlten, machte die Heimspiel-Herausforderung gegen den Europapokal-Anwärter zur rigorosen Reifeprüfung. In der Defensive wären Christoph Steinert und Christopher Bissel gegen die Löwen eine große Hilfe gewesen. Vorne galt das für Viggó Kristjánsson als Schwungrad. Es half nichts. Mit Bordmitteln wehrten sich HCE-Spieler und Heimfans kräftig und brachten die rot-blaue Stimmungsmaschinerie mit viel Einsatz zum Laufen.
Der HCE hielt hinten dicht, auch weil Tin Herceg in schöner Regelmäßigkeit parierte, und kam vorne dank Sander Øverjordets Präzisionsarbeit zum 1:1. Dass einige andere Abschlüsse und Anspiele gegen die Gelbhemden weniger zielgenau gerieten, erschwerte die Aufgabe und wurde von einem weiterhin reaktionsstarken Keeper und Alu-Glück verschleiert.
Mit resoluter Zweikampfführung verdeutlichten die Kontrahenten auch, dass sie sich in der hochintensiven Partie weiter auf den Keks gehen wollten. Vorne krempelte Florian Scheerer die Ärmel hoch. Kurz nachdem der junge Kreisläufer den Ball vom zuvor reichlich unpräzisen Antonio Metzner bei einem vehementen Vorstoß zurückerhalten hatte, bedeutete das den Anschluss zum 2:3. Dabei waren in der emotionalen Gluthitze der Arena doch schon elf Minuten gespielt.
„Kämpfen, HC, Kämpfen“, intonierte der Anhang hinter dem Tor von Herceg, der beim Bälle-Parieren weiter den Ton vorgab. Dass das Spiel gegen die Offensivmaschinen aus Mannheim torarm war, war aus Sicht des Handballclubs eine gute Nachricht. Bei ihrem letzten Bundesliga-Auftritt hatten die Löwen gegen Wetzlar 42 Treffer markiert.
Tim Gömmel trifft konsequent - Florian Scheerers Energie bringt den HCE nach vorne
Dass der ewige Jannik Kohlbacher traf, konnten die Gastgeber im Anschluss nicht immer verhindern. Doch Erlangen ließ die Löwen, die bereits am Vortag aus ihrem Trainingszentrum in Kronau nach Franken gereist waren, nicht davonziehen. Die Zuschauer blieben ein Traktor-Faktor; ein wunderbarer Treffer von Maxsim Lochman, der nach seiner Handfraktur auf die Bundesliga-Platte zurückkehrte, steigerte die HCE-Laune. Nach Tim Gömmels Konsequenz-Tor und Scheerers Treffer zum 7:6 ballten in der ausverkauften Arena alle mit HCE-Bezug die Fäuste (20.).
Die Qualität der Gelbhemden, die in einem prominent besetzten Kader weit über Premiumwühler Kohlbacher hinausging, machte das Heimspiel für den HCE auch im Anschluss härter als hartgekochte Eier. Dass Milos Kos nach langer Zwangspause in der Folge zweimal wurfgenau ausglich, verdeutlichte aber den Biss, den die Hausherren längst auch vorne entwickelt hatten. Hinten wehrten sich die Abwehr und Tin Herceg fortlaufend nach Leibeskräften, auf der anderen Seite traf und vergab Andri Rúnarsson per Siebenmeter. Ein besserer Pausenstand wäre für einen hochengagierten HCE am Ostersonntag möglich gewesen.
Trübsal musste man deshalb nicht blasen. Der HCE, der mit seiner Kampfkraft und einer nun auch vorne entfalteten Zielstrebigkeit an so manche schöne Heimspiel-Erfolge gegen die Löwen in der Vergangenheit erinnerte, startete formidabel in den zweiten Durchgang. Marek Nissen traf rasch, zwei Herceg-Paraden folgten, ehe Øverjordet die Löwen ein ums andere Mal vernaschte. Während Gäste-Coach Maik Machulla am Familientag in der Arena zusehends grimmiger dreinblickte und Lust auf eine deftige Ansage zu entwickeln schien, hatte der HCE mit seinen Fans weiter Spaß – nicht erst, als Firnhaber den Ball ins Tor presste. Es war das 15:13! Erlangen hatte vor 8.200 Zuschauern maximalen Erfolgshunger entwickelt und schwang auch in der Folge in Nürnberg die Peitsche. Øverjordet nutzte einen Abpraller gedankenschnell und geschickt.
Tin Herceg hält und hält und hält - und irgendwann trifft auch Antonio Metzner
Fokussiert und ausbalanciert blieb der HCE danach und zeigte wie der rot-blaue Anhang extremen Einsatz. Lochman traf und hatte Pech; Marek Nissen bewerkstelligte beim hochseriösen Tore-Werfen das 19:17 (45.). Weil Herceg weiter parierte, schien eine Sensation gegen die Löwen keine Überraschung mehr zu sein. Die HCE-Fans feierten das kroatische Toptalent im Gastgeber-Gehäuse frenetisch. Nach Rúnarssons Siebenmetertreffer wurde ein Doktor auf eine Insel gerufen. Als Gebala ein Kempa-Zuspiel entschärfte, standen die Fans wie Fieberkranke im Bett.
Weil auch die Mannheimer ihre immense Qualität wieder in die Waagschale warfen, kamen begeisternde Erlanger zunächst nicht über einen Zwei-Tore-Vorsprung hinaus. Als auch Metzner bei hohem Luftstand an Zielgenauigkeit gewann, änderte sich das. Das zweite Toni-Tor nach ähnlichem Strickmuster bedeutete das 24:21 (55.). Ein weiterer Heimcoup gegen die Löwen rückte näher. Rúnarsson bezwang Mike Jensen im Löwen-Käfig per Siebenmeter und nach einem wiederholt vehementen Angriff per Billard-Tor. Erlangen hielt den Vorsprung konstant, hatte Herceg und Alu-Glück. Insgesamt hatte das besondere HCE-Spiel viele Helden.
Die Zugkraft, die man entwickelt hatte, sollte bis zum Ende halten. Øverjordet scheiterte, doch der hellwache Gebala verwertete den Abpraller gegen das Promi-Team aus der Kurpfalz. Am Ende eines fränkischen Handballfeiertags hätten die Spieler vermutlich auch einen Traktor durch die Arena ziehen können.
Yannik Bialowas verwertete den nächsten Abpraller. Es stand 28:25. Es löste sich alles, im Dauerjubel der HCE-Fans fiel bei einem wunderbaren Sieg alles ab. Bialowas hatte mit konservierter Konsequenz das Schlusswort und drehte noch einmal an den Lautstärkereglern.
Info
HC Erlangen: Herceg, Quenstedt; Runarsson 5/3, Øverjordet 4, Metzner 4, Nissen 3, Scheerer 3, Kos 2, Bialowas 2, Lochman 2, Gömmel 2, Firnhaber 1, Gebala 1, Buck, Sehnke.








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